Epische Dichtung von Hermann
Robolsky
Streckt vor vielen, vielen Jahren, hart
am Ufer, dicht am See,
Eine Mühle, fleissig klappernd,
ihre Flügel in die Höh`.
Blickte friedlich auf die
Gegend, spiegelte sich in der Fluth,
Mehrte durch ihr emsig Schaffen
täglich mehr des Müllers Gut.
In der Mühle lebt`s geschäftig
Müller Arend, weit bekannt,
Denn er schaffte feines Mehlwerk
für der alten Märker Land,
Metzt`nur wenig vom Getreide,
das zum Mahlen man ihm bracht,
Sorgte, dass die schnellen
Steine bald das Korn zu Mehl gemacht.
Und war wo ein Rath von Nöthen,
hiess`s: zu Arend lasst uns geh`n,
Oder war ein Mensch erkranket
Ar`nd musst` ihm zur Seite stehn,
Denn er war in jungen Jahren
weit umhergereist im Reich,
Hatte Kenntnis viel Erworben,
half mit Rath und That zugleich,
Und so lebt` mit seiner Gattin
glücklich er Jahr aus, Jahr ein,
Gern geseh`n von Jung und
Alten und geliebt von Gross und Klein.
Das war einst – so geht die
Sage – ein sehr trüber, finst`rer Tag,
Dunkel thürmten sich die
Wolken, dumpfer Donner grollte nach,
Schwarz fast war das finstre
Wasser, ächzend stöhnt` der tiefe See,
Ferner Unkenruf erschallte,
unheimlich, wie graues Weh,
Und der Mühle Flügel brachen
pfeifend durch die Luft sich Bahn,
Aengstlich flatterten die
Möwen auf dem weiten Wasserplan. –
Da naht auf grünem Wege,
der nach Arend`s Mühle geht,
Sich im schnellen Schritt
ein Knabe, der zum Müller also fleht:
„Eilt, o eilt, Herr Vater
Arend, meine Schwester ist so krank!
Helft, ihr kennt ja manches
Kräutlein, das giebt guten Labetrabk.“
Müller Arend schaut besorglich
nach dem finstern Himmel aus,
Doch bald siegt die Menschenliebe,
verlässt sein schwankend Haus.
Aber nicht alleine ziehen
lässt sein treues Weib ihn fort,
Ob die Mühle auch mag bleiben
ohne allen Schutz und Hort;
Schweigend eilt sie nach
den Beiden, hält ein Körbchen in der Hand,
Das der Kräuter viele birget,
die als heilsam ihr bekannt,-
Wenig hundert Schritte sind sie von der Mühle kaum getrennt,
Als mit einem Mal es blitzet,
grad als ob der Himmel brennt.
Und der Wind in wildem Toben
peitscht den See bis auf den Grund,
Krachend stürzt die schöne
Mühle in den tiefen Wasserschlund.
„Arend, seh!“ ruft mit Entsetzen
plötzlich aus des Müllers Frau,
Stumm erbleichend sehn sie
sinken ihrer Mühle stolzen Bau.
Und als sei der Sturm beschwichtigt,
ruhig wird die dunkle Fluth,
Wie versöhnt bricht durch
die Wolken sich der Abendsonne Gluth.
Jenen Knaben, der die Alten
aus der Mühle durch sein Flehn
Fortgelockt, ihn hat kein Einz`ger aus der Gegend sonst gesehn,
Er verschwand, grad` als
die Mühle in das tiefe Wasser sank;
Niemand war, so wie er vorgab,
in der Nachbarschaft so krank.
Arend zog nun hin zum Dorfe,
seinen vielen Freunden nach;
Aus dem Dorf ward bald ein
Städtchen, wie`s noch stehet heutzutag.
Arendsee ist nun sein Name,
das so freundlich liegt am See,
Wo die Mühle einst vor Jahren
streckt`die Flügel in die Höh.
Und in klaren Sommernächten ist noch in der blauen Fluth
Jene Mühle tief zu sehen, wie sie auf dem Grunde ruht.
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